Zurückliegende Veranstaltungen

Als die Wölfe über die Burg Gottes kamen
Das Kloster Kelkheim und die Gestapo

Der Plenarsaal des Kelkheimer Rathauses reichte nicht aus, um die vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Vortrag des Stadtarchivars Julian Wirth am 27. Februar 2028 unterzubringen.

Bürgermeister Albrecht Kündiger und Erster Stadtrat Dirk Hofmann begrüßten die Gäste.
Das Franziskanerkloster Kelkheim ist nicht nur ein Wahrzeichen der Stadt und der Region, sondern auch ein bedeutendes Zeugnis katholischer Religiosität.
Bei der Grundsteinlegung des Klosters im Jahr 1908 fasste der damalige Kelkheimer Bürgermeister die Intention des Baus in folgende Worte:

„Dieses Haus soll erstehen Gott zur Ehr, Kelkheim zum Frieden und dem schönen Taunus zur Zier!“

Der Grundstein für den Kirchenbau wurde 1906 gelegt.

Ein zentrales Jahr in der Geschichte des Klosters ist das Jahr 1939. In diesem Jahr wurde das Franziskanerkloster Kelkheim von der Frankfurter Gestapo gestürmt – ein Akt willkürlicher Gewalt, der das „Recht des Stärkeren“ schonungslos demonstrierte.
Gewalt und Schamlosigkeit als Mittel der Politik schienen überwunden. Doch die Geschichte zeigt: Sie sind es nicht. Aktuelle Beispiele wie die Praktiken der US-Einwanderungsbehörde ICE oder politische Führungsstile, die eher an absolutistische Herrscher als an demokratische Prinzipien erinnern, belegen dies auf erschreckende Weise.

Pater Ivo Trautscheidt links und rechts mit den Patres des Franziskanerklosters
Der erste Pfarrer Kelkheims, Pater Ivo Trauscheidt, war ein Franziskaner vom Niederrhein. Ursprünglich für die Missionsarbeit in Japan bestimmt, änderte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 seinen Lebensweg. Statt nach Asien zu gehen, blieb er im Deutschen Reich und übernahm 1919 die seelsorgerische Verantwortung in Kelkheim.
Pater Ivo Trauscheidt übernahm sein Amt in Kelkheim zu einer Zeit tiefer Krisen. Die Folgen des Ersten Weltkriegs lasteten schwer auf der Bevölkerung: Die Männer litten nicht nur körperlich, sondern waren, wie er selbst formulierte, „am Herzen krank“. Die Hungerblockade hatte das Volk geschwächt, und die politischen Umbrüche entfesselten unkontrollierbare Leidenschaften.
Die Lage war prekär: Der Krieg war verloren, die Stimmung gedrückt. Viele wissen heute nicht mehr, dass Kelkheim ab Dezember 1918 sogar unter französischer Besatzung stand. 400 Soldaten quartierten sich in der Stadt ein, und die Trikolore wehte über dem Kloster – ein sichtbares Zeichen der Fremdbestimmung.

Aufmarsch in der Kelkheimer Bahnstraße 1934
Der nationalsozialistische Staat war nicht nur auf Adolf Hitler ausgerichtet – er war seine Schöpfung. Hitler verkörperte als „Führer“ die absolute Spitze und zugleich den Architekten des Systems. In dieser totalitären Ordnung gab es keinen Platz für konkurrierende Autoritäten. Während gläubige Katholiken sich ideologisch am Papst in Rom orientierten, widersprach dies fundamental dem NS-Anspruch: Keine Götter neben dem einen Gott.

Das Kelkheimer Kloster galt bereits früh als Symbol katholischen Widerstands. Bereits 1925 bezeichnete das evangelische „Der evangelische Samaritan“ das Kloster als „Hochburg des Katholizismus“. Für die Nationalsozialisten wurde dieser Umstand zunehmend unhaltbar.

Im Februar 1939 eskalierte die Situation: Die Gestapo stürmte das Kloster – im NS-Jargon „überholte“ man es, als handele es sich um eine technische Anlage. Auch andere Einrichtungen der Peter-Josef-Stiftung, wie das Kloster in Hadamar oder das Schwesternhaus „Zum Guten Hirten“ in Marxheim, wurden auf diese Weise „überholt“.
Alle kirchlichen Proteste gegen die Schließung des Klosters blieben unbeantwortet. In letzter Instanz wandte sich der Kirchenvorstand sogar direkt an Adolf Hitler mit den Worten:
„Lieber Führer, im Vertrauen, dass Sie, unser Führer, der stets für das Recht gekämpft hat, auch uns zu unserem Recht verhelfen wird.“
Die Forderung war klar: Kirche und Kloster sollten wieder freigegeben werden. Doch die Antwort aus der „Kanzlei des Führers“ vom 8. Mai 1939 war eine klare Absage. Statt Unterstützung wurde die Gemeinde an die „Geheime Staatspolizei in Berlin“ verwiesen – ein unmissverständliches Signal, dass es keine Hilfe geben würde.
Der propagandistisch beschworene „Endsieg“ blieb aus. Mit dem Vorrücken der Alliierten überschritten 1945 amerikanische Truppen den Rhein. Die NS-Lagerleitung floh Hals über Kopf aus dem Kloster, zusammen mit den Arbeitsmaiden. Bis August 1945 nutzten die Amerikaner das Gebäude als Quartier. Nach ihrem Abzug kehrten die Franziskaner zurück.
Die Patres vollzogen im Kloster sogar einen Exorzismus – ein symbolischer Akt der Reinigung nach den Gräueltaten der NS-Zeit. Doch dieser Exorzismus war mehr als ein Ritual: Er spiegelte die verzweifelte Lage einer Gesellschaft wider, deren Staat zusammengebrochen war, deren moralische Grundfesten zerstört waren und die Millionen Tote zu verantworten hatte. Eine Hornauer Quelle beschreibt die Zeit so:
„Die Zeit ist von Not und Leid erfüllt. Zur Zeit besteht keine Zentralregierung und keine Repräsentation. Das Reich ist völlig zerbrochen, in vier Zonen aufgeteilt.“
Wer hatte die Gestapo-Aktion gegen das Kloster 1939 tatsächlich veranlasst? Ein Bericht des Gendarmerie-Gruppenpostens Sulzbach an den Landrat des Main-Taunus-Kreises vom November 1945 gibt Aufschluss:
„Als der Anzeigende [des Klosters bei der Gestapo] kann nur Bürgermeister Graf in Frage kommen, da der Bericht der Geheimen Staatspolizei zu Berlin den damaligen Bürgermeister von Kelkheim angibt. Graf bezeichnete laut Bericht das Franziskanerkloster als ‚Hochburg der katholischen Aktion für Kelkheim und Umgebung‘ und behauptete, dass in dem Kloster ‚staatsfeindliche Schriften hergestellt worden seien‘. Eine Vernehmung des in Frage kommenden Schuldigen kann nicht durchgeführt werden. Graf ist tot.“
Text: Julian Wirth
Fotos: Jürgen Moog
Freitag, 27. Februar 2026 18:00 Uhr



