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Eröffnung der Sonderausstellung Ella Bergmann und Robert Michel (Artikel von Dr. B. Matuschek und J. Moog)
Mittwoch, 23. Oktober 2019, 19:00 Uhr
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Ausstellungseröffnung »ELLA BERGMANN – ROBERT MICHEL«

Avantgardisten im Taunus

Seit fast 10 zehn Jahren präsentiert die Stadt Kelkheim in ihrem Museum immer wieder Sonderausstellungen, in denen verschiedene Kunstströmungen vorgestellt werden:

  • den EXPRESSIONISMUS (Heinz Kreuz, 2010)
  • die ROMANTIK (Rheinromantik, 2012)
  • den REALISMUS (Käthe Kollwitz, 2013)
  • die KAROLINGER (2015)
  • den SURREALISMUS (Dali/Chagall 2017/2018) und
  • die deutsche RENAISSANCE (Albrecht Dürer, 2019).

In dieser Tradition steht die Sonderausstellung „ELLA BERGMANN – ROBERT MICHEL“, die von Bürgermeister Albrecht Kündiger am 23.10.2019 im Museum Kelkheim eröffnet wurde. Sie wird dort bis zum 01.12.2019 freitags, samstags und sonntags zu sehen sein.

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Eingeleitet wurde die Vernissage mit einem Duo von Mozart, mit dem Alexandra Baldus (Violine) und Simone Weimar (Viola) auf die Eröffnung der Ausstellung einstimmten.

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Bürgermeister Kündiger begrüßte die zahlreichen Kunstinteressierten, darunter Landrat Michael Cyriax, der die Schirmherrschaft übernommen hat, den Stadtverordnetenvorsteher Wolf-Dieter Hasler und die Leihgeber Dr. Hildegard Bonczkowitz, Ilka Keller (Tochter des Hauptleihgebers Alfred Peter Keller, der leider verhindert war), Berthold Gall und Walter Hertel. Angesichts der Enge im derzeitigen Museum, in dem die Besucher kaum zwischen den Stellwänden durchkamen, geschweige denn Sichtkontakt zu ihm hatten, gestand der Bürgermeister ein, dass er sich die Ausstellung auch in einem größeren Raum (Saal) in der Feldbergstraße vorstellen könnte.

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Dr. Beate Matuschek führte mit viel Hintergrundwissen in die Ausstellung ein. Ihre wunderbaren Ausführungen wollen wir Ihnen nicht vorenthalten:

„Im April dieses Jahres wurde zum 100. JUBILÄUM des BAUHAUSES in WEIMAR das neue Bauhaus-Museum eröffnet. Seitdem feiert man das Bauhaus in Zeitungen, Büchern und sogar im Fernsehen mit einer sechsteiligen Serie. Zurecht, denn die Reformbewegung, die vom Bauhaus ausging, setzte weltweit Maßstäbe und gab Impulse, die bis heute in unserem täglichen Leben nachwirken.

Mit unserer Ausstellung wollen auch wir an das Bauhaus erinnern, genauer an die Eröffnung, in der Walter Gropius, der Leiter des Staatlichen Bauhauses, im April 1919 Arbeiten von Ella Bergmann und Robert Michel neben heutigen Kunstgrößen wie Lyonel Feiniger vorstellte. Ihre avantgardistischen Arbeiten waren für ihn d a s Musterbeispiel der Reformschule.

Ella Bergmann und Robert Michel gelten heute als Klassiker der Moderne. Sie erfahren zurzeit eine steil ansteigende Würdigung: Bereits im letzten Jahr zeigte das namhafte Sprengel-Museum in Hannover ihr Werk in einer großen Schau. Es folgte eine Bauhaus Ausstellung im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst mit Arbeiten des Künstlerpaares. Im Januar nächsten Jahres wird das filmische Werk von Ella Bergmann im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt mit Sünke Michel als Ehrengast gewürdigt. Sie wird zu diesem Anlass auch das Museum Kelkheim besuchen.

Kelkheim hat das große Glück auf eine umfangreiche Sammlung Kelkheimer Leihgeber zurückgreifen zu können, die das Künstlerpaar persönlich kannten: Namentlich Alfred Peter Keller, den eine lange Freundschaft mit Ella Bergmann und Robert Michel verband. Für Ilka Keller war er der „Nenn-Opa“. Beide besuchten das Künstlerpaar regelmäßig auf der Schmelzmühle in Vockenhausen. Und auch Dr. Hildegard Bonczkowitz lernte den betagten Robert Michel persönlich in seinem Atelier kennen.

Der bekannte Künstler Kurt Schwitters sagt anerkennend über Robert Michel und Frau Ella Bergmann:

“Sie sind als Künstler sehr bedeutend“.

Doch was macht sie so bedeutend?

Robert Michel wird 1897 als jüngstes von sechs Kindern in Vockenhausen geboren. Aus Begeisterung für das Fliegen und die Technik erwirbt er während des Ersten Weltkriegs den Pilotenschein und stürzt 1916 19jährig bei einem Übungsflug in Gotha ab. Nach einem Lazarettaufenthalt in Weimar beginnt er 1917 ein Studium an der „Großherzoglich Sächsischen Hochschule für Bildende Kunst“.

In der Zeichenklasse von Professor Walther Klemm lernt er die zwei Jahre ältere Ella Bergmann aus Paderborn kennen. 

Noch während ihrer Studienzeit werden die „Kunstschule“ und die „Kunstgewerbeschule“ zum Staatliche Bauhaus zusammengeführt. Damals gehören Ella Bergmann und Robert Michel einem Kreis junger innovativer Künstler an, die Walter Gropius als Vorreiter der Moderne sieht.

Ella Bergmann und Robert Michel unterstützen zunächst die Ziele des Bauhauses, besonders die Zusammenführung von Architektur, bildender Kunst und Handwerk. Später kritisieren sie die Ausbildungsmethoden, die Akademiesierung, die religiöse Überhöhung und die Richtungskämpfe.

Bereits 1920 verlässt das freischaffende Künstlerpaar Weimar und zieht mit ihrem Sohn Hans nach Vockenhausen auf die Schmelzmühle mit dem geerbten Familienbetrieb „Michel & Morell – Schwarzfarben“.

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Ella Bergmann um 1960, Robert Michel in seinem Atelier auf der Schmelzmühle um 1975

Ihre neue Wohn- und Arbeitsstätte nennt das Künstlerpaar selbstbewusst „Heimatmuseum of Modern Art", ein ironischer Verweis auf das Museum of Modern Art in New York. Hintergrund: Die aus Wiesbaden stammende Ehefrau des Kurators Channin im New Yorker Museum besucht das Künstlerpaar mehrmals auf der Schmelzmühle und kauft ihre Werke für das Museum an.

Mit dem neuen Wohnort Vockenhausen verlegen Robert Michel und Ella Bergmann ihren Wirkungskreis nach Frankfurt: „Da zogen wir 1920 weg in die Praxis“, erinnert sich Robert Michel.

Sein Interesse gilt dem „sozialen Bauen“ und dem neuen Stadtplanungsprogramm, Das Neue Frankfurt, das zwischen 1925 und 1930 unter Stadtbaurat Ernst May durchgeführt wird. Ziel ist, die akute Wohnungsnot zu vermindern.

Das Neue Frankfurt ist eine gesellschaftliche Reformbewegung, in der Kunst und Technik wie im Bauhaus verknüpft sind. Ella Bergmann und Robert Michel treten 1926 dem Neuen Frankfurt bei.

Ein Jahr später gründet Robert Michel ein Architekturbüro in Frankfurt, er entwirft Läden, Tankstellen, Häuser und ist dabei erfolgreich.

1928 wiederum gründet er mit Kurt Schwitters die Interessengemeinschaft „ring neuer werbegestalter“.

Die künstlerische Auseinandersetzung mit der Werbung ist neu. Ihr Ziel ist, eine allgemein gültige Grundlage für die Präsentation von Reklamen und Typografien in Bild und Schrift zu schaffen. Sie legten damit das Fundament zum Studium des Graphikdesigns und der Mediengestaltung.

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Die Tankstelle entwirft Robert Michel mit Lucy Hillebrand in 1926/1927

Robert Michel selbst entwirft Leuchtreklamen, Ladenbeschriftungen, Plakate, Straßenbahnhaltestellen und Werbung an Hauswänden. Sie können dies in den beiden Fotographien der DAPOLIN TANKSTELLE, die Robert Michel baute, und der DAPOLIN WERBUNG an einer Hauswand sehen. Man ist erstaunt wie modern und zeitlos sie sind.

Auch Ella Bergman arbeitet als Werbegrafikerin. Sie erhält Aufträge für Reemtsma, Continental Licht und sogar für Britische Firmen in London.

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Ella Bergmann hat ihr eigenes Atelier im Eschenheimer Turm in Frankfurt. Ihre künstlerischen Schwerpunkte sind zu dieser Zeit die Fotographie und der Film. Stilistisch wird sie vom sog. „Neuen Sehen“ des Bauhaus Lehrers Laszlo Moholy-Nagy beeinflusst:

Kontraste wie Licht und Schatten, Strukturen und Bewegung werden in der Fotografie und im Film zu ihren auffälligsten Gestaltungsmitteln.

1931 entsteht ihr erster Auftragsfilm für das „Neuen Frankfurt“ unter dem Titel „Wo wohnen alte Leute?“. Gezeigt wird das Ideal einer modernen Seniorenresidenz im Grünen – dem Budge Heim in Frankfurt - im Kontrast zum damaligen Wohnen im dunklen Altbau, mit steiler Treppe inmitten der lauten Innenstadt.

Es folgen bis 1933 vier weitere dokumentarische Kurzfilme mit dem Titel:

„Erwerbslose kochen für Erwerbslose“ (1932), „Fliegende Händler in Frankfurt am Main“ (1932) „Fischfang an der Rhön“ (1932) und besonders interessant „Wahlkampf 1932 (Letzte Wahl)“ (1932/1933).

Alle Kurzfilme können in dieser Ausstellung auf dem Bildschirm in einer eigenen Abteilung gesehen werden.

Es lohnt sich: Die Filme sind aufklärend, politisch und visionär.

Die Dokumentation „Wahlkampf 1932 (Letzte Wahl)“ zeigt die Geschehnisse rund um die Reichstagswahlen in Frankfurt.

Noch während der Dreharbeiten wird die Künstlerin in Gewahrsam genommen, das Material konfisziert.  1933 gibt sie ihr Frankfurter Atelier auf. Ella Bergmann und Robert Michel erhalten Berufsverbot, ihre Kunst gilt als entartet.

In der NS-Zeit widmen sich beide der Fischzucht sowie dem Gewässer- und Naturschutz in Vockenhausen. Nach dem Zweiten Weltkrieg nehmen sie ihre künstlerische Arbeit wieder auf und beteiligen sich an nationalen und internationalen Ausstellungen.

Robert Michel ist fasziniert von Maschinen und der Technik.

Er vergleicht sich als Künstler mit einem Ingenieur.

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Es verwundert deshalb nicht, dass er im Stil des Konstruktivismus arbeitet. Sein bevorzugtes Mittel ist die Collage, die es ihm erlaubt Motive aus der Technik zu demontieren, zu analysieren und neu zu erfinden.

In seinen Grafiken und Collagen konstruiert er Räderwerke, Propeller, Pfeile, Schrauben - so z.B. in der Serie Schlossfunktionen oder Mitteleuropäische Zeit oder Wanderspitzen.

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V.l.: Wanderspitzen, eine Foco 03 und Wanderspitzen III

Manches steht unter dem Eindruck der Fliegererlebnisse so „eine Foco-03“ oder „Kurs NO 66“ oder „Oskar Ursinus“.

Selbst Organisches wird augenzwinkernd in die Technik übertragen, so „Plankton- Express I“ oder der „Maschinenfisch“.

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Ella Bergmann dagegen gilt als experimentierfreudige Künstlerin, macht Collagen, Grafiken, Fotos, Filme. Mal sind ihre Arbeiten naturalistisch wie hier das Schmelzmühlenpferd vor untergehender Sonne, mal surreal.

Im Taunus vertieft sie ihr Interesse an den Gesetzmäßigkeiten der Natur. Es entstehen Bildcollagen, die sich mit dem Thema Licht auseinandersetzen oder ganz abstrakt fließende Ringe auf quadratischen Flächen zeigen.

Ella Bergmann und Robert Michel zählen zu den bedeutenden Künstlern nicht nur in unserer Region, sondern national und international. Sie brachen zwar mit dem Bauhaus in Weimar, brachten aber zugleich die Ideen des Bauhauses an den Main.

Trotz ihrer Abgeschiedenheit im ländlichen Vockenhausen pflegten sie ein reges Netzwerk zu gleichgesinnten Künstlern der Moderne von Max Beckmann bis zu Joseph Beuys.

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Einige Weggefährten am Bauhaus können wir ihnen in dieser Ausstellung präsentieren: Walther Klemm, der sie als Lehrer an der Kunstakademie zur Präzision anleitete. Lyonel Feininger, der mit ihnen an der ersten Ausstellung des Bauhauses teilnahm, die Bauhaus Gefährten Walter Dexel und Karl Peter Röhl und die Bauhaus-Meister Oskar Schlemmer und Willi Baumeister.“

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„Ich habe ein Wunder erlebt“, mit diesen Worten begann Dr. Hildegard Bonczkowitz ihre Ausführungen zur Sammlung „Ella Bergmann und Robert Michel“. Die Worte stammen von Robert Michel, der von Dr. Bonczkowitz operiert worden war. Die Hautärztin lernte in 1982 den ihr damals noch nicht bekannten Künstler in der Schmelzmühle kennen, wo dieser aufgrund seines Leidens in einem völlig abgedunkelten Raum lag.

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Links Dr. Hildegard Bonczkowitz, rechts Landrat Michael Cyriax

Erst viel später erfuhr sie vom Schaffen des Robert Michel und erwarb Bilder von ihm. Die haben sie so beeindruckt, dass sie in ihrer Rede davon sprach, dass Robert Michel mit seiner Kunst selber Wunder geschaffen hat und ihm die Kunst das Leben möglich machte.

Im Namen des Museumsvereins bedankte sich Vorsitzender Jürgen Moog bei den Gästen, dem Schirmherrn, den Rednern, den Leihgebern, den Kuratorinnen Monika Öchsner und Dr. Beate Matuschek, der Museumsdesignerin Susanne Michelsky (Ausstellungsdesign), bei Autor Thomas Berger und Museumspädagogin Marianne Bopp (Redaktion und Bildbeschreibungen sowie Führungen), der Museumsaufsicht Ursula Claaßen, Petra Krause und Ulla Kutzner und bei Dorothee Sommer, die wieder kleine Köstlichkeiten gebacken hatte, passend zum anschließend gereichten Apfelsekt.

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V.l.: Leihgeberin Ilka Keller, Museumsdesignerin Susanne Michelsky, Autor Thomas Berger, Kulturreferentin Dr. Beate Matuschek, Museumspädagogin Marianne Bopp und Dorothee Sommer vom Museumsverein 

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V.l.: Dr. Hildegard Bonczkowitz, Walter Hertel, Ilka Keller, Frau Gall, Berthold Gall

Die zweite Vorsitzende und Schatzmeisterin Edelgard Kleemann und die zweite Vorsitzende Andrea Hillebrecht-Schulte überreichten Rosen und unterstützten anschießend die Museumsdamen beim Sektausschank.

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V.l.: Edelgard Kleemann und Petra Krause

Jürgen Moog lud zum Bildvortrag von Thomas Berger zum Bauhaus-Jubiläum am 30.10.2019, 19:00 Uhr in den Plenarsaal ein, weil das derzeitige Museum den zu erwartenden Besucherandrang nicht aufnehmen kann und durch die Leinwand die Stellwände nicht einsehbar ist. Es wird Zeit, dass der Startschuss für das Neue Museum gegeben wird.

Die Führungen durch die Sonderausstellung im Museum mit Marianne Bopp finden am 1., 10., 16. und 22.11.2019 statt.

Mit der Finissage am 01.12.2019, 16:00 Uhr bei der Alfred Peter Keller vom Leben des mit ihm befreundeten Künstlerpaares unter dem Motto „Auf ein Wort … mit Ella Bergmann und Robert Michel im „Heimatmuseum of Modern Art“ berichtet, endet die Sonderausstellung.

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V.l.: Edelgard Kleemann, Dorothee Sommer und Petra Krause

Nach einem weiteren Duo von Mozart der beiden Damen des Kelkheimer Kammerorchesters schlossen sich viele Gespräche bei Apfelsekt und den wohlschmeckenden Köstlichkeiten an und natürlich auch die Möglichkeit die Bilder und Filme anzusehen.

Text: Dr. Beate Matuschek und Jürgen Moog

Fotos: Andrea Hillebrecht-Schulte und Jürgen Moog

Mittwoch, 23. Oktober 2019 19:00 Uhr
Ort Museum Kelkheim